Warum macht mehr Anstrengung mich manchmal schlechter?

Es klingt wie ein Widerspruch: Jemand strengt sich mehr an als je zuvor – und wird schlechter. Aber es passiert häufiger, als man denkt, und es trifft gerade die Ehrgeizigsten.

Ein Profisportler, Ende zwanzig, international erfolgreich, kam zu mir, weil seine Leistungen fielen. Trainer, Ärzte und Management suchten nach körperlichen und technischen Ursachen. Er selbst suchte am meisten: Training, Schlaf, Ernährung, Daten, Technik, jeder Fehler wurde analysiert. Irgendwann bestand sein ganzes Leben nur noch daraus, besser werden zu wollen. Und genau dadurch wurde er schlechter.

Wir sprachen erstaunlich wenig über Sport. Meine erste Frage war: Wann hast du deinen Sport zuletzt einfach geliebt? Er konnte sie zunächst nicht beantworten.

Das ist der Kern. Nicht mangelnder Einsatz macht Menschen an diesem Punkt schlechter, sondern zu viel Einsatz, der sich auf einen einzigen Punkt richtet. Wenn eine Sache vom wichtigen Teil des Lebens zum ganzen Leben wird, verliert sie das, was sie überhaupt gut gemacht hat: Leichtigkeit, Freude, den Abstand, aus dem gute Entscheidungen entstehen.

Wer sich unter Dauerbeobachtung stellt – die eigene –, wird eng. Jeder Handgriff wird bewertet, jeder Fehler vergrößert, jeder Wettkampf zur Prüfung des ganzen Selbstwerts. Und ein enger Mensch macht nicht seine beste Arbeit. Er macht seine ängstlichste.

Wir rekonstruierten deshalb seine besten Jahre. Damals hatte der Sport einen großen Platz in seinem Leben gehabt – aber eben einen Platz. Es hatte daneben anderes gegeben: Menschen, für die seine Leistung keine Rolle spielte, Stunden ohne Bewertung, ein Leben, das nicht bei jedem Wettkampf mit auf dem Spiel stand.

Also reduzierten wir. Wenige, wirklich kontrollierbare Faktoren im Training. Ein klarer Fokus im Wettkampf statt permanenter Selbstanalyse. Und vor allem wieder Bereiche im Leben, in denen es völlig gleichgültig war, wie gut er war.

Seine Leistungen stabilisierten sich. Später sagte er einen Satz, der weit über den Sport hinausreicht: „Ich wollte wieder der Athlet werden, der ich einmal war. Du hast mir gezeigt, dass ich zuerst wieder der Mensch werden musste, der ich damals war."

Das gilt nicht nur für Sportler. Es gilt für jeden, der aus einer Stärke eine Besessenheit gemacht hat – im Beruf, im Körper, in der eigenen Weiterentwicklung. Ab einem bestimmten Punkt bringt mehr Anstrengung nicht mehr Ergebnis, sondern mehr Enge. Und Enge ist der Feind guter Leistung.

Warum macht mehr Anstrengung dich manchmal schlechter?

Weil manche Dinge nur gelingen, wenn sie nicht dein ganzes Leben sind. Du wirst an diesem Punkt nicht besser, indem du noch mehr an dir arbeitest. Sondern indem du aufhörst, nur noch an dir zu arbeiten.

Marcus Craton arbeitet als privater Denkpartner mit Menschen an den wenigen Tagen im Leben, an denen etwas wirklich geklärt werden muss. Ein Mensch, eine Frage, ein Tag. So läuft ein klarer Tag ab.

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